Beitrag von Botschafter Lüdeking anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Kriegsgräberstätte in Menen

Wir erinnern uns heute des 100-jährigen Bestehens der Kriegsgräberstätte in Menen.

Dieses Gedenken lässt mich unwillkürlich an eine Szene in Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ denken, eine Szene, die mich sehr berührt hat: Deutsche Soldaten werden an die Front geführt und passieren dabei eine Stätte, wo bereits in Voraussicht der erwarteten Opfer Gräber ausgehoben werden.

Die Szene, geschildert aus der unpolitischen Perspektive eines einfachen Soldaten verdeutlicht: Die jungen Soldaten auf beiden Seiten waren eher Opfer denn Täter. Sie waren Opfer einer seelenlosen und menschenverachtenden militärischen Logik. Dies gilt es gerade jetzt in Erinnerung zu rufen, zu einem Zeitpunkt, wo wir der Dritten Flandernschlacht gedenken, einer der schrecklichsten und verlustreichsten und gleichzeitig sinnlosesten Schlachten des 20. Jahrhunderts.

Das unvorstellbare Grauen des Krieges wird vielfach nur annähernd deutlich, wenn es anhand des Schicksals des einzelnen Opfers beispielhaft dargestellt wird. Gleichzeitig empfinde ich es als eine Ironie, dass wir heute das Schicksal des einzelnen einfachen Soldaten heranziehen, um die Schrecken des Krieges zu illustrieren, wenn doch die damaligen militärischen Führer die Flandernschlacht ohne Rücksicht auf Verluste führten und sie das Schicksal des einzelnen einfachen Soldaten anscheinend nicht interessierte bzw. gleichgültig ließ.

Die deutsche Erinnerungskultur ist in vielerlei Hinsicht anders als die unserer europäischen Partner. Sie ist geprägt von dem Bewusstsein um das Leid, das Deutschland im 20. Jahrhundert in 2 Weltkriegen über Europa gebracht hat. Sie ist geprägt durch die daraus erwachsene Verantwortung. Wir wissen, dass sich das Gedenken an die Opfer der Kriege nicht zu nationalem und heroischem Pathos oder zur Stimulierung nationalistischer Reflexe eignet. Krieg – dies schildert gerade auch Remarque in seinem Roman – bedeutet für den einzelnen Soldaten Elend statt Ehre.

Wir trauern heute um die vielen Opfer, die hier begraben sind. Wir bewahren hier allen Gefallenen des Ersten Weltkrieges ein ehrendes Andenken.

Gleichzeitig – und dies ist für mich von zentraler, bleibender Bedeutung  – haben wir gegenüber diesen Opfern eine Pflicht. Die Pflicht, alles zu tun, um Kriege zu verhindern und den Frieden zu bewahren. Wir dürfen nicht gleichgültig gegenüber Gewalt sein, nicht gleichgültig gegenüber martialischem Gehabe, nicht gleichgültig gegenüber ungezügeltem nationalistischen Pathos, der die Sinne benebelt.

Die Kriegsgräberstätte in Menen ist nicht bloß ein historischer Ort, ein historisches Denkmal. Sie ist und bleibt vielmehr ein Ort der Besinnung; Besinnung darauf, was ein Gegeneinander der europäischen Staaten an Schlimmstem bewirken kann. Wir setzen daher auf ein Miteinander, auf die europäische Idee. Europa ist zuvörderst ein politisches Projekt, das uns über 70 Jahre Frieden und Wohlstand auf unserem Kontinent beschert hat. Wir dürfen es nicht aufs Spiel setzen. Dies ist die Mahnung auch der vielen Gefallenen, die hier in Menen bestattet sind, an uns.

Oder wie Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einmal formuliert hat – und es ist inzwischen ein geflügeltes Wort geworden - „Wer an Europa zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen“. Gerade angesichts der vielfältigen zentrifugalen Tendenzen in Europa hat dieser Ausspruch hohe Aktualität. Aber nicht nur das: Die aktuellen globalen Herausforderungen und die zunehmende Infragestellung von Freiheit, Demokratie und Recht in vielen Teilen der Welt sollte uns bewusst machen: Wir sind gefordert, aktiv, mutig und gemeinsam für unsere Werte einzutreten und sie zu verteidigen. Die europäischen Staaten sind in ihrem Schicksal untrennbar miteinander verbunden. In einer Welt, in der sich die Gewichte verschieben, hat nur ein starkes und geeintes Europa die Möglichkeit gestaltend Einfluss zu nehmen und den Frieden und die Freiheit dauerhaft zu bewahren.

Diese Mahnung ist heute aktueller denn je. Und sie gilt nicht nur heute, sie gilt auch in Zukunft. Daher ist es wichtig, diesen Soldatenfriedhof  als Ort der Mahnung und Besinnung zu bewahren. Mein Dank gilt deshalb dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge für sein unermüdliches Engagement und seine Arbeit für den Frieden. Besonders danken möchte ich auch der flämischen Regierung für die große, auch finanzielle Unterstützung der Instandhaltung der deutschen Soldatenfriedhöfe in Flandern. Ihnen allen, die sie heute gekommen sind, gilt mein Dank für das damit zum Ausdruck gebrachte Bekenntnis zu unserer dauerhaften Verantwortung für die Wahrung von Frieden und Freundschaft in Europa.

       

von Rüdiger Lüdeking, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Königreich Belgien

6. Oktober 2017

Beitrag von Botschafter Lüdeking anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Kriegsgräberstätte in Menen

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